Sonntag, 23. Oktober 2011

Stadtlektüre-Krim 3

HELDENSTADT - PANORAMA in SEVASTOPOL'

Während die an der Südküste vor der Gebirgskulisse gereihten Kurorte das Angenehme und Schöne der Krim repräsentieren, steht die Hafenstadt Sevastopol' für Opferbereitschaft und Entbehrung. Bereits kurz nach ihrer Gründung galt die Stadt als besonders russisch, als glückliche Erwerbung, mit der das Zarenreich die 'Wiedergewinnung' uralter slawischer Territorien im Süden gekrönt habe. Die Lage an tief ins Landesinnere ausgreifenden, fjordartigen Buchten entlang der felsigen Küste begünstigte die Anlage eines Kriegshafens, bald Sitz der Schwarzmeerflotte.  Die zugehörige Stadt entstand entlang einer hügeligen Küstenspitze auf linearem Grundriss mit parallelem Straßensystem

 Abb. 1: ‘THE TOWN & HARBOUR OF SEVASTOPOL WITH THE BATTERIES & APPROACHES’. Karte von Sevastopol', dem Hafen und weiteren militärische Einrichtungen entlang des Buchtsystems. Kolorierter Stich, 1854 von James Wyld, 20 x 47 cm.

Zwei Kriege begründen den Mythos Sevastopol', bei denen die Stadt jeweils zerstört wurde, um danach systematisch wiederaufgebaut zu werden. Bestimmendes Grundmotiv war die Oborona (Verteidigung) der von außen bedrohten russischen Heimat. Der erste Krieg war der Krimkrieg 1853-56, der zweite der in Russland und der Ukraine bis heute so genannte Große Vaterländische Krieg 1941-1945.

Abb. 2: 1909 errichtetes Denkmal für den in zaristischen Diensten stehenden deutsch-baltischen General Totleben im Park unterhalb des Panoramas.

Das zwischen 1901 und 1904 erbauten Panorama von Sevastopol' stellt den Krimkrieg dar. Geschaffen wurde das Innere durch den aus Odessa stammenden Schlachtenmaler Franz Alexejewitsch Roubaud, der an der für ihre Historienmalerei berühmten Münchner Akademie studiert hatte. München war ein bedeutendes Zentrum der Panoramaproduktion und auch das Sevastopoler Panorama entstand dort unter Mithilfe dortiger Akademiestudenten und wurde erst danach zu seinem Aufstellungsort in einem ausgedehnten Park auf einem Hügel oberhalb der Stadt transportiert. Der Entwurf für die bauliche Hülle stammt vom Miltäringenieur F. Enberg und dem Architekten W. A. Feldman.  

Abb. 3: Schlachtszenerie mit dem unter Beschuss liegenden Sevastopol' im Hintergrund. 

Die Abwicklung des gemalten Panoramas beträgt 14 x 115m, die Fläche des mit Figuren und Requisiten angereicherten, plastisch-gegenständlichen Vordergrundes (Faux-terrain) mehr als 1000m². Maße und Gesamtaufbau entsprechen weitgehend der üblichen Typologie des Großpanoramas. Der Innenraum des Gebäudes wird über einen der Rotunde vorgelagerten Eingang betreten. Durch einen verdunkelten Gang gelangen die Besucher zur Wendeltreppe. Über die spiralförmige, ziemlich dunkel gehaltene Treppe in der Mitte des Rundbaus steigt man auf eine Betrachterplattform, welche den vollen Blick auf die Rundleinwand ermöglicht. Nur über ein Oberlicht eintretendes Tageslicht fällt durch einen Baldachin über der Plattform auf das Gemälde. 
Thema sind die Ereignisse des 6. Juni 1855, einem von 349 Tagen der Belagerung, als es den russischen Verteidigern gelang, einem Großangriff der Alliierten zum wiederholten Male zu widerstehen. Der Betrachter glaubt auf dem Malachow-Hügel zu stehen und in einem Rundblick den Ereignissen zu folgen. Drei große Szenen sind dargestellt, angereichert mit einer großen Anzahl weiterer kleinerer Einzelszenen vornehmlich anekdotischen Charakters


Abb. 4: Baukörper des 1901-1904 errichteten Panoramas.

Untrennbar mit dem 19. Jahrhundert ist das Panorama  als Kunstform verbunden.(1) Als neue Seherfahrung zielt es auf die illusionistische Verdopplung der Welt, mit der die Realität zugleich gesteigert und entwirklicht wird. Vorläufer des Panoramas ist der barocke Kirchenraum mit seinem illusionistisch-perspektivischen Deckengemälde. Hier wanderte das ehrfurchtsvoll Auge noch nach oben, in höhere Sphären. Im Panorama dagegen steht der Betrachter im Mittelpunkt der Hyperrealität, ist nicht mehr ergriffen Glaubender, sondern schon distanziert blickender Bürger. Der Bildraum, der sich ihm bietet, tendiert zur Totalen, ist aber auf die Horizontale beschränkt. Der Blick wird gerahmt, das Auge wandert rundum. Das Bildprogramm tendiert daher zum in Sequenzen gegliederten Narrativen und zum Anekdotischen, in denen Raum und Zeit eine Einheit bilden.


Das Panorama war das erste Massenmedium, da es allen Bevölkerungsschichten offen stand. Der Sondertypus des Schlachtenpanoramas erlebte seine große Zeit im letzten Viertel des 19. Jahrhundert, was mit der letzten großen Renaissance des Mediums zusammenfällt.(2) Seine Popularität im beginnenden Imperialismus verdankte es dem Umstand, dass die Massen sich anschickten, zum Subjekt der Geschichte zu werden, aber nach dem Willen der Mächtigen blosses Menschenmaterial bleiben sollten. So wird im Gegensatz zum älteren Schlachtengemälde der einfache russische Mensch im Panorama von Sevastopol'  zum Handlungsträger, zumeist als Soldat, aber auch als Arzt, Krankenschwester oder Geistlicher. Wenn auch mit erheblichem Aufwand der Dokumentationscharakter herausgestellt wurde, verblieb doch die Darstellung im Genrehaften. Die gebotenen Szenen sollten eine 'höhere Wahrheit' als der Realismus bzw. der Naturalismus verkünden. Der leidende und kämpfende Mensch im Dienste der großen Sache

Auch heute noch ist Sevastopol' als Heldenstadt für Russland unverzichtbar, selbst wenn es mittlerweile im Ausland liegt. Kein Aufbruch in die lichte neue Zeit der Oligarchen und Magnaten kann die Erinnerung an diesen Orte vergangenen Ruhms ersetzen. Für den Sehnsuchtsort wird heute Ersatz gesucht. Jaltas Platz im sonnigen Süden soll zukünftig Sotschi einnehmen, Ort der olympischen Winterspiele von 2014. Die neue haute volee Russlands aus Oligarchen, Magnaten und neu-alter Staatsbürokratie braucht neue, exklusivere Orte. Solche, die sie nicht mit anderen teilen muss.




(1) Zum Panorama als Kunstform siehe vor allem Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt am Main 1980.
(2) Knauer, Martin: Von der Kriegsepisode zur Geschichtsmetapher. Überlegungen zum Erzähldiskurs im Schlachtenpanorama. In: Der Krieg im Bild, hrsg. vom Arbeitskreis Historische Bildforschung, Frankfurt am Main 2003 (=Hamburger Beiträge zur Historischen Bildforschung), S. 237-256, hier vor allem S. 241f. 

Abbildungsnachweis:
Abb. 1: http://www.garwood-voigt.com/catalogues/H23845SevastopolWyld.jpg
Abb. 2: Foto des Verfassers, Juli 2011. 
Abb. 3: Foto des Verfassers, Juli 2011. 
Abb. 4: Foto des Verfassers, Juli 2011.
 
Literaturauswahl:
Ascherson, Neal: Schwarzes Meer, Berlin 1996 (deutsche Erstausgabe).
Jobst, Kerstin S.: Die Perle des Imperiums. Der russische Krim-Diskurs im Zarenreich, Konstanz 2007 (=Historische Kulturwissenschaft 11), zum Mythos Sevastopol' besonders S. 351-406.
Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt am Main 1980.
Knauer, Martin: Von der Kriegsepisode zur Geschichtsmetapher. Überlegungen zum Erzähldiskurs im Schlachtenpanorama. In: Der Kieg im Bild, hrsg. vom Arbeitskreis Historische Bildforschung, Frankfurt am Main 2003 (=Hamburger Beiträge zur Historischen Bildforschung), S. 237-256.
PANORAMA "OBORONA SEVASTOPOLJA 1854-1855 GG.", viersprachiges Faltblatt zum Panorama, hrsg. vom Nazional'nii musei geroiznoi oboroni ta visvolennja Sevastopol', Sevastopol' 2008. 
Qualls, Karl D.: Travelling today through Sevastopol's past: Postcommunist continuity in a "ukrainian" cityscape. In: Czaplicka, John, Nida Gelazis und Blair A. Ruble: Cities after the fall of communism. Reshaping cultural landscapes and european identity, Washington D.C. 2009, S. 167-193.

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