Sonntag, 31. Oktober 2010

ARCH+ 200

Die letzte Form der Wissenschaft ist die Professoralform, die »historisch« zu Werke geht und mit weiser Mäßigung überall das »Beste« zusammensucht, wobei es auf die Widersprüche nicht ankommt, sondern auf Vollständigkeit. Es ist die Entgleisung aller Systeme, denen überall die Pointe abgebrochen wird und die sich friedlich im Kollektaneenheft zusammenfinden. Die Hitze der Apologetik wird hier gemäßigt durch die Gelehrsamkeit, die wohlwollend auf die Übertreibungen der wissenschaftlichen Denker herabsieht und sie nur als Kuriosa in ihrem mittelmäßigen Brei herumschwimmen lässt.
Karl Marx (MEW, Bd. 26.3, S. 492)

So richtig der Befund von der der im Argen liegenden Architekturkritik im neuen Archplus-Heft ist, so symptomatisch ist der Versuch, dem durch einen abgeklärten Rückblick in Manier der "historischen Methode" abzuhelfen, um zukünftig von diesem sicheren Standort aus Textarbeit betreiben zu können. Thematisch am Anfang des Hefts steht ein bräsig-gelehrsamer, eher zur ZEIT passender Essay von Dieter Hoffmann-Axthelm,(1) dann folgen kurze Abrisse einzelner Etappen der Architekturkritik entlang einer mit der Vormoderne beginnenden Zeitschiene. Durchaus praktisch für das Proseminar, auch ergiebig für den, der erfahren will, welche Kraft Kritik in Zeiten hatte, als Architektur und Kritik an ihr noch etwas bedeuteten (Behne, Ginsburger, Teige, Giedion) und nicht als Ganzes zum decorum herabgesunken waren. Ähnlich aufschlussreich das Gespräch zwischen Thilo Hilpert und Nikolaus Kuhnert/Anh-Linh-Ngo.(2)

Einem solchen, auf den großen Überblick setzenden Darstellungsverfahren ist der zugleich besserwisserische und abwinkende Gestus zu eigen, alle Epochen der Architekturkritik stünden uns heute zur Verfügung, gleichgültig wie stark sie sich widersprechen oder gar ausschließen mögen. Ungeniert, beinahe stolz wird die eigene Beliebigkeit ausgestellt, wenn unter den einzelnen Textabschnitten alle Archplus-Hefte abgebildet werden, die zu den einzelnen, fein mit Labeln versehenen Epochen passen könnten.

Erschreckend dann das Ende des historischen Abrisses , wenn es um aktuelle akademische Richtungen geht, wo beispielsweise unter dem Label post-criticality die flirrend mehrdeutige und auch rätselhafte Architektur von SANAA mit dem eindeutigen Sinngehalt einer neuen Unmittelbarkeit ausstaffiert wird. Brutal verräterisch der dazu geäußerte Satz: "Die Vertreter einer 'post-kritischen' Haltung (. . .) akzentuieren daher stärker eine am Praktisch-Alltäglichen orientierte Architektur, die statt komplexer Sinnstrukturen wieder alternative Lebensformen bereitzustellen vermag."(3) Nähme man die eigenen Sätze ernst, man hätte sich die ganze Arbeit für das Heft sparen können. Ähnlich niederschmetternd der abschließende Aufsatz von Ole W. Fischer, der, den Pleonasmus von der kritischen Theorie gebrauchend, eine produktive Kritik "jenseits der Kritik" einfordert, als sei das Wesen kritischen Denkens nicht Negativität, sondern Anleitung zu sozialer Praxis.
Auf den hinteren Seiten des Heftes will man dann vor den Zumutungen der Kritik flüchten und wird darüber handfest. Nachdem sich im Beitrag zuvor noch an den ungewöhnlichen Formen der neuen Mainzer Synagoge von Manuel Herz delektiert wurde, treibt die aktuelle Mode des postcolonialism im breit dargestellten Beitrag decolonizing architecture von Weizman, Hilal und Petti zur Dekonstruktion: Natürlich Israels, der Staat gewordenen Konsequenz aus Auschwitz. Das Projekt schlägt einen performativen Akt der "Wiederaneignung" vor, mit dem die "kolonialen" jüdische Siedlungen der Westbank in autochthon arabische Dörfer verwandelt werden sollen. Der fremdartige Charakter der Siedlungen zeige sich vor allem am roten, "jüdischen" Steildach, womit ohne zu merken der in den 1920er Jahre geäußerte Vorwurf an die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung als landschafts- und kulturfremdem Araberdorf spiegelverkehrt wiederholt wird. Das zu gleich herbei geschriebene und gesehnte Ende der Kritik endet dort, wo es enden musste.
Abb.1:
Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung als Araberdorf.
Abb.2 und 3:
Wiederaneignung einer "kolonialen" jüdischen Siedlung durch Ersetzen des "fremden" Steildaches durch das bodenständige Flachdach.

(1) Hoffmann-Axthelm, Dieter: : Krise der Kritik-Kritik der Krise. In: Archplus (200), S. 16-21.
(2) Archplus (200), S. 42-69 und 74-79.

Kommentare:

  1. Interessant an dem Vorwurf, der meist mit einem Argument gleichgesetzt wird, etwas sei proseminaristisch oder gelehrig, ist die Tatsache, dass er meist von jenen aussprochen wird, die meinen, dieses Wissen bereits mit der Muttermilch eingeflößt bekommen zu haben, es also nicht nötig mehr haben und sich darüber erheben können.
    Als Wissenschaftlicher Mitarbeiterin an einer Architekturfakultät habe ich in den letzten Jahren erlebt, wie dieses Grundwissen immer mehr von den Unis verschwindet zu Gunsten von Effizienzkriterien. Ich wäre froh über proseminaristische Kenntnisse bei meinen Studenten. Insofern kann ich Ihr Verächtlichmachen der Leistung von Arch+ nur als Egotrip auffassen. Sie ist die einzige, die in diesem trostlosen Milieu überhaupt noch an so etwas wie Bildung vermittelt, und das spätestens seit der Ungers-Ausgabe immer mehr. Mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass gerade das bei den Studenten wieder ankommt.

    Zu der Behauptung, Kritik sei nichts anderes als Negativität ein Zitat vom Foucault-Spezialisten Thomas Lemke aus dem Heft:
    "Für Foucault besteht Kritik nicht darin, unpassierbare Grenzen zu zeigen oder geschlossene Systeme zu beschreiben, sondern ihr Zweck liegt umgekehrt darin, veränderbare Singularitäten sichtbar zu machen. Sie hat nicht die negative Aufgabe, das sichtbar zu machen, was verschleiert oder verdeckt ist, um das Wahre vom Unwahren zu trennen und schließlich zu der Verheißung einer völligen Transparenz zu gelangen; vielmehr verfolgt sie das paradoxe Ziel, „das sichtbar zu machen, was bereits sichtbar ist, das heißt das erscheinen zu lassen, was so nahe, was so unmittelbar und so eng an uns gebunden ist, dass wir es gerade deswegen nicht wahrnehmen“."
    Die Gleichsetzung der Kritik als negative Praxis hat Foucault abgelehnt. Es gibt also nicht nur Ihre Lesart von Kritik.

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  2. Hallo Anonymus oder Anonyma,
    erst einmal vielen Dank für den Kommentar, der mir zeigt, dass das, was ich hier treibe, doch nicht ganz vergeblich ist. Die zugegeben anmassende und unverschämte Form der Polemik hat Widerspruch herausgefordert. So sollte es sein.
    Wäre die aktuelle Archplus ein Seminarreader oder eine Einführung in die Architekturkritik im Rahmen von Forschung und Lehre, dann hätten die Macher ihre Arbeit mehr als gut gemacht. Einzelne Beiträge sind exzellent. Aber die Archplus ist halt nun mal kein Lehrmittel, sondern beansprucht Definitionsmacht über den aktuellen Stand der Dinge. Was mich daher stört ist der Gesamtaufbau als Professoralform, in der einzelne Positionen nacheinander dargestellt werden, ohne auf Widersprüche zwischen einzelnen Positionen zu achten, was dann beispielsweise in einer bequemen Historisierung Adornos endet (S. 123, Beitrag von Ole W. Fischer). Nach dessen Beitrag wird dann tatsächlich das Ende der Kritik verkündet (Flucht vor der Kritik, S. 125). Abschaffung der Kritik mit den Mitteln der Kritik. Das ist das eigentlich Skandalöse an diesem Heft.

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  3. Nachtrag an die Anonyma
    Meine Kritik richtete sich eigentlich nur an diese Archplus-Ausgabe. Der Wert der Zeitschrift ist unbestritten, Andere Ausgaben, unter anderem auch die genannte Ungers-Ausgabe, der Schwellen-Atlas, Stadtarchitektur Sao Paulo etc. habe ich mit Begeisterung aufgenommen. Aber ich nehme das, was in dieser Zeitschrift geschrieben wird, nun mal ernst. So ernst, dass ich meinem Ärger mit Polemik Luft machen musste.

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  4. Danke für Ihre Antwort. An Skandalisierungen liegt mir gar nichts, deswegen habe ich Ihre Kritik zum Anlass genommen, mir das Heft gründlich durchzuschauen. Und wenn ich nicht ganz falsch liege, ist das seitens der Arch+ eine Polemik, die historische Linie mit der Flucht vor der Kritik aufhören zu lassen. Es ist ja beredt, dass kein einziger aktueller Kritiker als wichtig erachtet wird, dort behandelt zu werden. Der Grund dafür können Sie in dem von Ihnen abgelehnten Text von Dieter Hofmann-Axthelm nachlesen.
    Zudem habe ich das Editorial noch mal durchgelesen, um die Intention der Macher zu verstehen. Und da steht mitnichten, dass sie die Kritik abschaffen wollen. Sie fordern es eher im Sinne von Foucault als Haltung ein. Natürlich können Sie Foucault ablehnen. Aber dass es eine ernstzunehmende Position ist, können Sie nicht bestreiten. Die Flucht vor der Kritik ist mit dem Zitat von Fischer vor den Projekten hinreichend kontextualisiert: nämlich als Verlagerung der Kritik in das Werk.
    Ich bin mit dem Heft zugegebenermaßen nicht durch, aber das ist zumindest mein Eindruck. Außerdem möchte ich nicht als Apologet auftreten. Ihre Polemik hat mich nur geärgert als ich bei der Lektüre ein wenig gegoogelt habe, um Quellen nachzuschlagen.

    P.S.: Ich denke, es ist gar nicht verkehrt, in einer solch trostlosen Situation (sie brauchen sich die anderen Zeitschriften nur anzuschauen) sich an die nächste Generation zu wenden. Ich nutze übrigens gerne die Hefte als Seminarmaterial. Vielleicht ist das ja auch eine Intention der Macher.
    P.P.S.: Es ist nie vergeblich, sich Gedanken zu machen...

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  5. @ anonyma
    Sicherlich widerspricht das Editorial der später postulierten Selbstaufhebung der Kritik bzw. Flucht aus der Kritik. Möglicherweise ist es aus Verzweiflung geborene Polemik, ich glaube aber eher an einen Trick, um bequem den Widersprüchen zu entkommen und unverdrossen weitermachen zu können. Der einleitende Essay von Dieter Hoffmann-Axthelm ist für dieses Vorgehen zentral. Nichts in dem Text ist falsch, was mich stört ist der resigniert-abgeklärte Gestus des folgenlosen Problematisierens. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, alles ist besprochen, aber der Gegenstand ist einem unter den Fingern zerronnen. So haben einem bereits in der Schule 68-Oberstudienräte das Kritisieren vergällt.
    Und auch weiß ich nicht, wie die Verlagerung der Kritik in das Werk gehen soll. An sich verstehe ich Kritik eigentlich so, dass ein Werk von außen anhand von mehr oder weniger eindeutigen Kriterien betrachtet wird. Das mag zwar old-fashioned und im Sinne der längst "überholten" und auf "totalitären Universalien" beruhenden Aufklärung sein, aber leider haben die Postmodernen bislang nichts Stichhaltigeres dazu geliefert. Die dazu passende Foucault-Kritk überlasse ich hier lieber Berufeneren: http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web07.html

    P.S. Zur Relevanz der Archplus. Ich beschäftige mich zur Zeit ziemlich intensiv mit Typologie und habe mir dazu die passenden Hefte aus den 1980er Jahren durchgeschaut. Interessant ist, dass schon damals der Vorwurf des Opportunismus und der modischen Beliebigkeit gegen die Zeitschrift erhoben wurde (Interview von Ludovica Scarpa mit Jonas Geist in der Arch+85, Juni 1986, S. 47). Und trotzdem ist den bereits ein Vierteljahrhundert alten Ausgaben etwas geblieben, was deren Lektüre heute noch außerordentlich produktiv macht. Von welcher Architekturzeitschrift könnte man ähnliches behaupten.
    P.P.S.: Sicherlich ist es nicht verkehrt, sich Gedanken zu machen, aber es ist manchmal ganz schön schwierig . . .

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